sludern dot com

von Dominik Schmidt

Wenn Nachrichten dich nicht nur in den Schlaf verfolgen

Wir haben hitzige zwei Monate hinter uns. Zuckerberg musste wegen Cambridge Analytica vor dem Senat aussagen, das europäische Datenschutzgesetz (DSGVO) tritt in wenigen Tagen in Kraft. Alle sind verwirrt, wie kann man Google und Facebook regulieren einerseits und andererseits gerät der Mittelstand (obwohl vor zwei Jahren beschlossen) wegen der Auswirkungen der DSGVO in Panik. Beides Themen, die auch die Medien in den letzten Wochen bestimmt haben. Aber wie sieht es eigentlich mit Datenschutz und den Nachrichtenseiten selbst aus? Ziemlich übel.

Zahlreiche kleine Spione, die den Seitenbesuchern auflauern.

Sammeln ist eine Sache, aber wieso über Drittanbieter?

Ruft man Politico.com auf, wird man von über 30 Trackern begrüßt. Der Großteil dient der Ausspielung von Anzeigen. Focus Online kommt auf den Artikelseiten auf eine ähnliche Menge. Tagesschau.de begrenzt sich hingegen auf nur drei. All diese Tracker erfüllen unterschiedliche Aufgaben:

  • Werbung und MarketingErkennen und Aufbauen von NutzerprofilenTargeted Ads ausspielenDen Nutzer von einer zur nächsten Seite verfolgen
  • Statistiken zur Besuchermenge, Herkunft, Lesezeit, Standort…
  • A/B Testings tracken (verschiedene Varianten der Website werden an unterschiedliche Leser ausgespielt)
  • Sharing/Like-Funktionen für Social Media
  • Externes Content Hosting (zum Beispiel bei AWS)

Die Situation 2015: Nicht gut

Frederic Filloux1 hat sich vor drei Jahren mal die Mühe gemacht und verschiedene Nachrichtenseiten auf Tracker untersucht. Das Ergebnis: Die 20 untersuchten Seiten enthielten insgesamt 516 Tracker von etwa 100 unterschiedlichen Anbietern. 60 Prozent davon sind für Werbezwecke (hauptsächlich von Google und Facebook). Durchschnittlich 30 Tracker pro Seite.

Eine unübersichtliche Zahl an Drittfirmen. Kann man denen allen vertrauen? (Grafik von Frederic Filloux, MondayNote.com)

Was Filloux dabei am meisten überrascht hat, viele der Dienste doppeln sich in ihren Funktionen:

When you look at each of their mission statements, you see a huge overlap in functionalities. […] This kludge of trackers reflects more desperate moves than thoughtful strategies.Es scheint, als hätten die Verleger den Überblick verloren oder es mangelt an Prinzipien und Kontrolle. Ich habe vollstes Verständnis, dass eine Nachrichtenseite Informationen über die Nutzer erlangen möchte, um ihr Produkt zu optimieren, den Leser zu verstehen und passende Werbung auszuspielen. Aber wer kann denn bei dieser Vielzahl an Drittanbietern für den Schutz der Leserdaten garantieren? Das scheint mir nicht möglich und ist ein Skandal, weil die Publisher dafür die Verantwortung tragen sollten.

Die Situation 2018: Noch schlimmer

Man möchte meinen, die Lage hat sich seit dem Facebook-Debakel und den drohenden Konsequenzen mit der DSGVO verbessert?

In einer aktuellen Studies des Reuters Institutes wurden 500 populäre Websites und auch speziell Nachrichtenseiten in Europa auf Tracker und Dritt-URLs untersucht. Interessant daran: Hier müssten die Auswirkungen der DSVGObereits spür- und messbar sein. Nützlich ist auch der Vergleich zu "normalen", populären Websiten. Wie schneiden hier die Nachrichtenseiten speziell ab?

Klare Ergebnisse im Vergleich von Nachrichtenseiten und sonstigen Seiten.

Der Unterschied ist gravierend und es ist deutlich, dass Nachrichtenseiten ein besonderes Interesse am Datensammeln haben. Ein erwartbares Ergebnis, verfolgen Nachrichtenseiten in aller Regel kommerzielle Interessen. Dennoch: Durchschnittlich 40 Cookies und 81 Anfragen an Drittanbieter2? What the fuck, das kommt einem einfach sehr übertrieben vor. Oder besser gesagt: außer Kontrolle geraten.

Die Studie unterteilt auch weiter nach Ländern. Hier ist auffällig, dass Großbritannien die meisten Tracker einsetzt, während Deutschland mit 64 Cookies am unteren Ende platziert wird. Und eine weitere Unterscheidung: Angebote wie Tagesschau.de oder die BBC sind wesentlich sparsamer, am schlimmsten treiben es die Boulevard-Medien wie der Daily Mirror (246 Cookies) oder die Bild-Zeitung (47 Cookies).

Bleibt die wichtige Frage bei all dieser Masse an Trackern: Wofür werden sie eingesetzt und bei wem landen diese Daten letztlich? Die Erkenntnisse decken sich hier zum Teil mit der älteren Untersuchung von Filloux.

Für mich etwas überraschend: Die Mehrheit wird für Analytics eingesetzt.

Die Mehrheit der Tracker werden zum Messen der Besucher eingesetzt. Hier kommt übrigens Google Analytics auf atemberaubende 74 % Anteil. Generell ist Google das Unternehmen, das mit Abstand am meisten mit seinen unterschiedlichen Diensten eingesetzt wird. Danach folgen Facebook und Amazon. Unter den Top 10 der Drittanbieter sind übrigens alle US-amerikanische Anbieter.

Eine komplizierte Situation für Publisher. Oft fehlt auch die Technologie aus dem eigenen Haus, entsprechend ist man abhängig von Drittanbietern. Ignorieren können sie die DSGVO allerdings nicht, zu dem Schluss kommt auch die Reuters-Studie:

Taken together, these passages indicate that third- party web content may face several obstacles under the GDPR. First, third-party content exposes IP addresses and often results in the transmission of cookie data, potentially putting it within the law’s scope. Second, because browsers download third- party content without user interaction, it is often not transparent to users what is happening, raising the need for clear notification whenever data is collected, shared, and stored. Third, for user data to be processed lawfully, consent may be needed.

It’s fucked up. Wie kann es besser werden?

Nachrichtenseiten sind — genauso wie Facebook — Teil des Überwachungsgeschäfts. Natürlich kann man den Fall Cambridge Analytica nicht direkt vergleichen. Dort wurden Daten verkauft und zur Manipulation der Öffentlichkeit und der Demokratie genutzt. Letztlich ist es aber beides eine (zumindest potentielle) Verletzung des Persönlichkeitsrechts — und eine Sünde bleibt eine Sünde.

Es gibt noch immer Werbeformen, die nicht auf wahllos gesammelte Datenmengen angewiesen sind. Diese sollten von allen Medien auch eingesetzt werden, die sich selbst kritisch zu Google und Facebook äußern. Die DSGVOmuss nun Zähne zeigen und empfindliche Strafen aussprechen — und dann muss das System der Online-Werbung generell gefixt werden: Es ist eine Gefahr für die Pressefreiheit und ein leidiges Thema seit Jahren.


¹ Dessen exzellenten Newsletter “Monday Note” ich bereits mal an dieser Stelle empfohlen habe!

² Die Studie widerspricht sich an dieser Stelle allerdings. Im Fließtext ist die Rede von 40 “third party requests” und 83 Cookies. Das scheint aber nur ein formaler Fehler im Text zu sein.

💬 Kommentar? Schreib mir.