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von Dominik Schmidt.

Was haben Netflix und Fortnite gemeinsam?

Beide kämpfen um die begrenzte Zeit der Menschen. Beide beanspruchen Unmengen unserer Aufmerksamkeit. Sie sind also direkte Konkurrenten. So hat das jetzt Netflix in einem Schreiben an Anteilseigner (Seite 5)  eingestanden. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist damit quasi offiziell geworden.

Es sei nicht in erster Linie HBO (oder Amazon Prime oder Sky), die als Konkurrenten wahrgenommen werden, sondern es sind alle Anbieter da draußen, die große Mengen an Zeit beanspruchen, so liest sich das Statement von Netflix. Wobei man "alle Anbieter" wohl einschränken muss. Alle Anbieter, die eine digitale Ware anbieten und unbeschränkt über das Internet konsumiert werden können. Der weltweite Zugang zu Inhalten aller Art hat die Post-Internet-Welt auf den Kopf gestellt. Das Angebot ist unbegrenzt, nur limitiert durch die beschränkte Lebenszeit oder Freizeit, die wir Konsumenten haben.

Letztlich konkurriert also fast jeder Online-Dienst mit jedem, zumindest, wenn es Angebote mit einer so breiten Zielgruppe wie Netflix oder Fortnite sind.

Ein guter Beweis dafür sind Statistiken über "Blackout Behavior", also was die Nutzer machen, wenn ein Dienst ausfällt. In der aktuellen WIRED (27.01) findet man dazu einige interessante Statistiken:

  • Als Facebook im August 2018 für 45 Minuten offline ging, wuchs der direkte Zugriff auf Nachrichtenseiten um 11 Prozent.
  • Im April 2018 gingen die Server von Fortnite für fast 24 Stunden offline. Der Traffic von Pornhub stieg um 9,8 Prozent.
  • Slack ging im Juni 2018 für mehr als 3 Stunden offline. Die Nutzer wechselten stattdessen zu Outlook (+11 %), Gmail (+20 %), LinkedIn (+27 %) und Twitter (+51 %).

Fällt ein Dienst also aus (oder schließt) wird ein Teil des Kuchens auf andere Dienste verteilt. Dabei sind es nicht unbedingt direkte Konkurrenten, sondern ganz unterschiedliche Angebote (Google -> Twitter, Fortnite -> Pornhub).

Wie kann ein Dienst jetzt noch wachsen, wenn der Kuchen bereits komplett verteilt ist? Nur auf Kosten eines anderen Dienstes. Neue Nutzer kommen kaum dazu (siehe Peak Smartphone), sie verteilen sich nur um. Dabei sind es insbesondere die großen Werbeanbieter wie Google, Facebook und Amazon, die von der Aufmerksamkeit der Nutzer leben. Entsprechend trickreich versuchen sie Nutzer bei der Stange zu halten und jede aufmerksame Sekunde auszuschlachten.

Aus Nutzersicht ist der Umstand, dass ein anderer Anbieter nur einen Klick entfernt ist, erstmal positiv. Möchte ich heute Abend zocken, eine Serie schauen oder shoppen? Alles ist nur wenige Klicks entfernt. Ein Anbieter ist nicht erreichbar oder ich bin mit dem Angebot nicht mehr zufrieden? Die Alternative wartet bereits.

Dabei sollten wir nur nicht vergessen, dass die Anbieter entsprechend aggressiver um unsere Zeit kämpfen. Wir verlieren uns in bodenlos YouTube-Sessions und kommen bei all den Netflix Originals kaum hinterher. Wir sind die Könige unserer Aufmerksamkeit, aber die Jäger da draußen werden immer brutaler. Netflix hat das verstanden und kämpft den womöglich größten Kampf des 21. Jahrhunderts: Für wen opfern wir unsere Freizeit?