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von Dominik Schmidt

Von Linux zum Mac

Sechs Jahre war Linux das dominante System auf meinem Laptop. Angefangen hat alles mit Ubuntu Hoary Hedgehog. Damals noch als Experimente; die Windows-Installation immer auf der Nachbarpartition. Das war irgendwann 2005. Linux war damals anders als es heute ist. Es war ein einziger Kompromiss. Die Treiber-Unterstützung war reine Glückssache, insbesondere auf Laptops. Die Performance durch schlechte Grafiktreiber oft getrübt, eine Wlan-Verbindung wirkte wie Raketenwissenschaft.

Aber schon damals hatte es den Charme von einem offenen System. Es fühlte sich wie dein System an. Und diese Auswahl an Distributionen und Desktop-Managern war und ist fantastisch. Man konnte Tage damit verbringen, sich ein eigenes System zusammen zu basteln. Ein eigener Fenstermanager, eigener File-Browser, Login-Manager — Individualisierung bis ins letzte Detail. Es gab einem das Gefühl, das kein Mensch der Welt die selbe Konfiguration fährt. Ein gutes Gefühl.

Und es entwickelte sich! Jede neue Version war wie Bescherung an Weihnachten. Neue Features und neue Probleme. Basteln bis der Arzt kommt und es hat Spaß gemacht. Das Betriebssystem war nicht Mittel zum Zweck, es war der Zweck. Andere basteln an Autos, ich habe an Betriebssystemen geschraubt, getuned und irgendwie geliebt. Irgendwann so 2010 mit Debian Squeeze und Ubuntu Lucid Lynx fühlte sich Linux auf dem Desktop erwachsen an. Es war vor allem Ubuntu, die den Linux-Desktop auf ein professionelles Niveau gehievt hat. Linux ist auf dem Desktop angekommen.

Und die Alternativen waren zumindest bis zum Erscheinen von Windows 7 mehr schlecht als recht. Windows XP war instabil und unsicher. Cleaner-Tools, Antiviren-Software, Software-Firewall — alles Dinge direkt aus der Computer-Hölle.

Linux war und ist toll. Aber meine Ansprüche haben sich geändert. Ich bin beruflich auf das Funktionieren meines Laptops angewiesen. Kompatibilität, Stabilität und schnelle Konfiguration sind mir wichtiger geworden. Vor einigen Monaten wagte ich den Schritt und kaufte mir ein Macbook Pro. Ein sündhaft teures Gerät und dann auch noch OSX als komplettes Neuland für mich. Ich war skeptisch.

Zuerst sollte ich dazu sagen, dass für mich die Hardware der entscheidende Kaufgrund war. Aber die beste Hardware ist nutzlos, wenn sie nicht mit der Software harmoniert. Und genau das macht Apple sehr gut. Es war zuerst ein völliges neues Erlebnis als ich den Laptop das erste Mal hochfuhr. Ich brauchte eine knappe halbe Stunde und hatte ein voll funktionsfähiges System nach meinem Gustus vor mir. Treiberinstallation ist nicht nötig, auch kein stundenlanges Einspielen von Updates, wie es vor allem bei Windows der Fall ist. Und es ist schnell, verdammt schnell. Damit meine ich nicht die reine Rechenleistung, sondern eher die Optimierung der Software. Hochfahren in weniger als zehn Sekunden, Aufwachen aus dem Ruhemodus nur ein Augenzwinkern. Es wirkt einfach harmonisch, abgestimmt und ordentlich optimiert. Kleine Dinge werden dem Nutzer abgenommen. Man fühlt sich gut behandelt. Festplatte verschlüsseln? Drei Klicks und während der Vorgang läuft einfach weiterarbeiten. Ruckler, Hänger, Abstürze? Nach einigen Monaten Nutzung nicht aufgetreten.

Hört sich an wie ein Lobgesang auf Apple? Schon ein wenig. Die Software überzeugt, die Hardware auch (dieses Retina-Display!!1) und letztlich zeigt der Preisvergleich zu ähnlicher PC-Hardware, das Macbooks nicht teurer sind. Allerdings gibt es einen großen Nachteil, der zwar nicht ausschließlich für Macbooks gilt, aber mich ordentlich fuchst: Die Unzugänglichkeit der Hardware-Komponenten. Akku oder Tastatur austauschen war bei meinen Thinkpads in wenigen Minuten gemacht. RAM aufstocken oder Festplatte tauschen — alles kaum möglich mit Apple-Hardware. Nicht das ich herumschrauben möchte, aber falls etwas defekt ist, spare ich mir gerne eine teure Reparatur. Keine Ahnung, was sich Apple dabei gedacht hat, aber das ist wohl so etwas wie Kontrollwahn.

Und auch bei der Software ist nicht alles das Gelbe vom Ei. iPhoto ist zum Beispiel ein Witz. Wer importiert da denn bitte seine Fotosammlung, wenn das Programm alles in einer einzigen (und proprietären) Datei abspeichert. Ich möchte meine Fotos auch noch in zehn Jahren öffnen und bearbeiten können. Und dann ist da iCloud, das einem permanent suggeriert: Take it or leave it. Entweder du lebst im Apple-System oder es ist nutzlos.

Ich schreibe diesen Text gerade auf dem Macbook und erfreue mich an dem kristallklaren Bildschirm und der der schönen Haptik der Tastatur. Ich bereue es nicht. Ich kümmere mich weniger um das System als darum was ich damit anstelle. Ich vertraue dem Gerät, es wird mich nicht plötzlich im Stich lassen. Und falls doch — wird es teuer. Naja. Im Herzen Linux, aber zum Arbeiten bitte einen Mac. Und ein klein wenig Revolution kann ich auch unter Mac machen. Freie Software wie Gimp, LibreOffice, Filezilla oder Firefox haben mich unter Linux begleitet und sind mir ohne Murren zum Mac gefolgt.

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