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Tech-Unternehmen zeigen ein neues Gesicht. Dürfen wir das glauben?

Es bewegt sich einiges im Silicon Valley. Facebook hatte seine F8, Google die I/O und Microsoft die Build 2019. Eigentlich sind die Konferenzen an Entwickler gerichtet, in den letzten Jahren wurden sie aber vor allem eine große PR-Show. Zumindest am Tag 1.

Die Giganten sind schwer einzuschätzen. Aber sehen wir ein neues Gesicht?

Wenn ich PR-Show sage, dann meine ich das nicht negativ. Es ist gut, dass wir Einblicke in die Pläne und Ansichten dieser übermächtigen Digitalkonzerne bekommen. Letztes – und besonders dieses Jahr, konnte man beobachten, wie die Leitstory der Präsentationen stark an die aktuellen Diskussionen adressiert wurden. Datenschutz, Monopolstellung, ungesunder Konsum, Fake News, Populismus und so weiter. Berühmte Stimmen wie Elizabeth Warren ("Break up big tech companies"), Tristan Harris ("Tech is downgrading humanity") oder Yuval Noah Harari ("Technology is humanity's biggest challenge") bestimmten aktuell die Debatte und die Feuilletons. Es sieht nicht gut aus, gerade im Hinblick auf die anstehenden Wahlen in der EU und den USA.

Alle drei Unternehmen kämpfen also um die öffentliche Wahrnehmung auf ihre eigene Weise. Aber zuerst eine kurze Bestandsaufnahme, welchen Ruf sie – zumindest bisher – genossen haben:

  • Facebook: Die undichte Datenkrake. Ein gefährliches Monopol im Bereich weltweite Öffentlichkeit. Eine moderne Droge.
  • Google: Auch eine Datenkrake, aber relativ dicht. Ein gefährliches Monopol im Bereich Wissen der Menschheit.
  • Microsoft: Das proprietäre Unternehmen, das auf closed source setzt und unsexy, aber unverzichtbar im Business-Bereich ist.

Jetzt heißt es vermehrt: The times, they are a changin'. Der Druck wird größer. Zwei Bilder verdeutlichen dies besser als tausend Worte, wie sich die Zeiten geändert haben:

Wait, what? (Teil 1)

Da beginnt Marc Zuckerberg die Konferenz mit dem Statement: "The future is private." Das erinnert an Orwells Neusprech und ich wusste im ersten Moment nicht, ob Zuckerberg sich das Lachen dabei wirklich unterdrücken kann. Der Konzern, der sich die Aufgabe gestellt hat, die ganze Welt öffentlich zu vernetzen.

Der Marktplatz der Moderne rudert jetzt zurück. Das ist eine Mischung aus knallhartem Kalkül und die Fähigkeit zu Lernen. Eine Plattform wie Facebook/Instagram/Whatsapp lässt sich nicht kontrollieren. Sie ist zu groß, um Regeln und Recht durchzusetzen. Deswegen drängt man die Nutzer ins Private zurück, damit die Skaleneffekte eingedämmt werden und Missbrauch eher im Verborgenen bleibt.

Wait, what? (Teil 2)

Der ein oder andere Leser mag jung genug sein, um bei diesem Screenshot der Konferenz sich nichts weiter zu denken. Jeder, der aber das Microsoft der frühen 00er-Jahre erlebt hat, erkennt die Zeitenwende. Microsoft unter Steve Ballmer war Windows-fokussiert und hatte einen Lieblingsgegner: Linux und die Open-Source-Community. Irgendwie fühlte sich das noch nach Kaltem Krieg an: Kapitalismus vs. Kommunismus.

Heute ist Microsoft ein Unternehmen, das Github (der Sinn von Github ist es, freien Code zu verwalten und zu veröffentlichen) kauft, einen Linux-Kernel und bald ein richtiges Terminal für die Entwickler da draußen liefert. Holy shit. Im Gegensatz zu den Bekundungen von Zuckerberg, kann man es Microsoft unter Satya Nadella wirklich abnehmen – und nur begrüßen.

Bleibt uns noch Google. Es gibt durchaus etwas beim Thema Datenschutz zu vermelden: Google Chrome zieht nach (Safari und Firefox bieten es schon länger) und schützt besser vor Cookie-basiertem Tracking. Google Maps bekommt einen Incognito-Modus, der Standort-basiertes Tracking verhindern soll. Das ist eine Seite der Medaille. Andererseits ist KI auch in diesem Jahr das beherrschende Thema auf der I/O. Und jeder, der sich mit KI mal beschäftigt hat, weiß, es funktioniert nur mit sehr vielen Daten. Und die hat Google, deswegen ist es auch der stärkste KI-Player auf der Welt.

Bemerkenswert sind allerdings die Use Cases, die hervorgehoben wurden: Automatische Untertitel bei Videos oder Text-to-Speach-Funktionen für Analphabeten. Bei Letzterem wurde auch unterstrichen, dass dabei keine Daten an Googles Server übertragen werden. Man orientiert sich hier also an Apple, die bereits seit Langem auf Datenverarbeitung direkt auf dem Endgerät setzen.

Puh, Google gibt also ein etwas geteiltes Bild ab. Ich habe das Gefühl, dass man letztlich weitermacht wie bisher. Möglichst viele Daten sammeln und damit nützliche Tools zur Verfügung stellen, die dann noch mehr Daten sammeln. Aber der Ton, das Framing, die Story haben sich verändert. Datenschutz, soziale Themen, Nutzen für die Gesellschaft werden stärker betont.

Soweit die Bestandsaufnahme der diesjährigen Präsentationen. Was bedeutet das für meine Auflistung von oben? Wie stellen sich die Tech-Konzerne heute da?

  • Facebook: Die undichte Datenkrake, die es selbst nicht in den Griff bekommt und deswegen die Nutzer ins Private zurückdrängt. Ein gefährliches Monopol im Bereich weltweite Öffentlichkeit. Eine moderne Droge.
  • Google: Auch eine Datenkrake, aber relativ dicht. Ein gefährliches Monopol im Bereich Wissen der Menschheit. Setzt auf KI und Anzeigen, wird deswegen weiter ungehemmt Daten sammeln.
  • Microsoft: Das proprietäre Unternehmen, das auf open source setzt und  zunehmend sexy, gerade für Entwickler, wird.

Als Fazit der Konferenzen (und des letzten Jahres) kann man nur sagen: Hut ab, Microsoft. Google, wo soll das nur enden? Und Facebook, du hast es verkackt, da hilft nix mehr.