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von Dominik Schmidt

Scrivener: Des Schreibers feuchter Traum

Ich möchte euch Scrivener vorstellen. Eine, nein, die Software zum Arbeiten mit Text. Aber kurz vorweg: Falls du das hier liest und gerade mit Schallgeschwindigkeit auf eine Deadline zurast, du aber lieber noch nach dem richtigen Werkzeug für deine schriftlichen Ergüsse suchst, dann stoppe jetzt. Du kannst das hier lesen, wenn du fertig bist. Mach TextEdit oder Word auf und bring das Ding zu einem Ende. Glaube mir, ich war öfters an dem Punkt. Das Werkzeug macht nicht die Arbeit, du machst die Arbeit. Und zum guten Schreiber wird man auch nicht durch tolle Tipps oder Tools, sondern durchs Schreiben. Okay, jetzt aber zum eigentlichen Thema: Scrivener.

Scrivener gibt es für Mac, Windows und iOS.

Scrivener ist kein Word Processor wie MS Word, kein Text Editor wie Sublime, kein Focus Writer wie Ulysses, kein Notizen-Programm wie nvALT und kein Everything-in-a-Bucket-Tool wie Evernote. Scrivener ist ein Werkzeug, um große Mengen an Text unter Kontrolle zu bekommen. Und dafür ist es das beste Programm am Markt.

But wait. Ich kann das doch alles mit Word machen?!

Warum braucht man Scrivener, um ein Buch, einen Aufsatz, einen Blog Post, eine Dokumentation oder irgendeinen Artikel zu schreiben? Es gibt doch Word -- und wird von Millionen Menschen genau dafür genutzt. Die kurze Antwort: Word is a piece of shit und es ist ein Irrsinn, dass Microsoft diesen Müll seit Jahrzehnten fast unverändert verkauft. Word ist ein digitales Papier, eine Din A4-Seite auf deinem Bildschirm. Der Füller ist die Tastatur und am Ende landen die Ergebnisse wieder auf -- Papier. Das hat vor 20 Jahren (oder genauer gesagt, 1983) seine Berechtigung gehabt, man wollte eben die Schreibmaschine ersetzen, heute ist es einfach nur ein nerviges Stück Software, das aus einer anderen Zeit stammt. Aus einer Zeit, in der man Analoges einfach ins Digitale übertragen hat. Zu mehr hat die Fantasie und Kreativität nicht gereicht. Also schreiben weiterhin 70 Millionen Menschen mit einer Papierseiten-Logik und mühen sich mit halb-schlauen (oder halb-dummen) Formatierungshilfen ab. Auch wenn wir gar keinen Drucker mehr besitzen.

Word basiert auf dem "What you see is what you get"-Prinzip. Man formatiert also das Dokument nach seinen Wünschen direkt in der Schreiboberfläche und so sieht es dann halt aus. Schreiben und Lesen wird dabei als ein und das selbe gesehen. Ändern sich die Bedürfnisse an Format und Struktur, muss man das ganze Dokument umbauen. Es ist ein statisches Layout, das in einer digitalen Zeit eben eher an Bleistift und Radiergummi anknüpft und nicht an modernes Web Publishing. Jeder, der schonmal versucht hat, ein Word-Dokument umzubauen und Abschnitte zu verschieben, weiß, was ich meine. Es endet im totalen Chaos.

Immer den Überblick behalten: Links der Binder, in der Mitte das Dokument und rechts Metadaten.

Genug des Word Bashings. Ich denke es ist deutlich geworden, dass ein besseres Konzept her muss. Und davon gibt es aktuell zwei unterschiedliche Ansätze in der Software-Welt: Auf Markdown basierende Editoren und eben Scrivener.

Ein Exkurs in die etwas nerdige Markdown-Welt

Markdown ist großartig. Ich schriebe sehr gerne damit, es ist eine Art des Schreibens, die in eine digitalisierte Welt passt. Flexibel, einfach und zukunftssicher. Bei digitalen Produkten sollte es darum gehen, Dinge zu ermöglichen, die analog nicht möglich sind. Das ist mit Markdown der Fall.

Wer heute etwas in Markdown schreibt, wird es auch in 10 Jahren noch in die verschiedensten Formate, die heute vielleicht noch nicht existieren, exportieren können. Mit Ulysses und iA Writer gibt es wunderbare Schreibumgebungen -- und letztlich kann fast jeder Editor mit Markdown befüllt werden.

Es ist schwierig den Vorteil von Markdown wirklich in Worte zu fassen, man muss es ausprobieren. Das Gefühl, den Text im Griff zu haben und selbst zu bestimmen, wie er letztlich aussehen soll, ist ein ganz anderes Erlebnis, als es Word einem bietet. Es ist wie ein Auto mit manueller Schaltung, wenn man jederzeit genau weiß, wie es sich verhält und wer die Kontrolle hat. Während Word ein Automatikgetriebe ist, dass mehr schlecht als recht den gewünschten Gang vorbestimmt. Während bei Word es um die Optik, die Präsentation geht, fokussiert sich Markdown auf den Inhalt. Die Optik ist erst der nächste und komplett separate Arbeitsschritt.

Einzelne Kapitel in der Pinnwandansicht.

What you see, doesn’t need to be what you get

Das selbe Prinzip wendet auch Scrivener an, wobei es kein Markdown unterstützt. Zumindest nicht direkt als Eingabeformat. Alle Texte lassen sich aber als (Multi-)Markdown exportieren. Das Eingabeformat setzt auf Rich Text. Man sieht also Schriftart, Formatierungen, Abstände, eingebundene Medien etc. direkt bei der Eingabe. Das alles ist aber relativ, weil Scrivener das Schreiben und das fertige Dokument konzeptionell trennt. Ich kann also mit einem Monospace Font und angenehm großer Schriftgrößte schreiben, dann das Dokument aber als PDF mit Helvetica und 12 Pt exportieren. Oder ich exportiere nur einen Teil des Dokuments, oder ich exportiere es als Docx-Datei, oder ich exportiere die Texte in einer anderen Reihenfolge, oder oder oder. Ihr merkt, es gibt einem viel mehr Flexibilität. Flexibilität, die einem ein Markdown-Editor meistens nicht bietet. Ulysses ist hier noch die mächtigste Alternative, ist aber auch kein reiner Markdown Editor, sondern packt seine eigene Formatierungssprache und Dateiformat obendrauf.

Ein gutes Tool bietet den richtigen Workflow

Bei Scrivener merkt man, dass die Entwickler sich wirklich Gedanken um die Bedürfnisse und Workflows der Nutzer gemacht haben. Oder besser gesagt: der Developer. Scrivener wurde ursprünglich 2007 von Keith Blount entwickelt. Ein Lehrer, der den Wunsch hegte, einen Roman zu schreiben. Allerdings fand er nicht das passende Tool, das ihn dabei unterstütze. Also hat er sich selbst Objective-C und Cocoa beigebracht -- und Scrivener entwickelt. Wow! Den Roman hat er bis heute nicht fertiggestellt, aber dafür einen neuen Standard für Text-Tools, insbesondere für Autoren, entwickelt.

Das Recherchematerial (rechts) immer im Blick haben. Praktisch.

Warum braucht man also Scrivener, wenn es Word und sehr gute Markdown-Lösungen gibt? Im Prinzip braucht man es nicht. Wie ich eingangs als kleine Warnung erwähnte, es sind letztlich nicht die Tools, die das Zustandekommen oder die Qualität entscheiden. Es wurden sehr gute Texte in Word geschrieben. Oder mit einer Schreibmaschine oder mit Stift und Papier. Und jetzt kommt natürlich das aber: Scrivener integriert alles, was man neben der reinen Texterfassung benötigt. Bei komplexen Texten bedeutet das:

  • Outlines erstellen
  • Recherchematerial sammeln
  • Eine Übersicht über Kapitel/Abschnitte
  • Kapitel/Abschnitte/Seiten verschieben und anordnen
  • Notizen und Label
  • Texte und Recherchematerial Seite-an-Seite (Split View)

Und viele weitere Features, die Scrivener zum Schweizer Taschenmesser für jeden Schreiber machen. Scrivener hilft, Texte zu planen, zu schreiben und zu strukturieren. Und letztlich im passenden Format zu exportieren.

Mein Urteil

Offensichtlich bin ich von Scrivener begeistert. Es ist mein Ort für berufliches und privates Schreiben. Ich verfasse Texte für sludern dot com, schreibe UX/UI-Texte und, inschallah, eines Tages vielleicht auch mal ein Buch damit. Ein bisschen überrascht mich meine Begeistertung selbst, bin ich doch prinzipiell kein Fan von so umfangreichen Tools, die vielerlei Funktionen vereinen. Do one thing, and do it right. Scrivener schafft es aber mit viel Liebe zum Detail, einem das Gefühl zu geben, dass zwar alles vorhanden ist, aber einem nicht in den Weg kommt, wenn man es nicht braucht. Das ist eine großartige UX/UI-Leistung, ein großes Chapeau an Keith Blount dafür.

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