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von Dominik Schmidt

Finde den Fehler: Das iPad als Laptop-Ersatz

Ja, ich weiß. Die Frage ist so alt wie die Idee eines Tablets selbst. Und sie wird bei jedem iPad-Release erneut diskutiert. Auch bei den neuen iPad Pros, die Apple vor wenigen Tagen in New York vorgestellt hat, ist die Frage bei jedem Test-Fazit enthalten und klingt eigentlich immer nach Enttäuschung.

Eine Auswahl:

Apple’s approach to iOS is holding that hardware back in serious and meaningful ways, and while USB-C makes life with this new iPad Pro slightly easier, it still has the same basic capabilities and limitations of last year’s iPad Pro. (The Verge)
But the iPad Pro just isn't flexible enough, yet. The browser is not the same as a desktop-level experience, which can make it hard to work with web tools. No trackpad on the optional keyboard and no support for mice makes text editing cumbersome. Furthermore, iOS hasn't changed enough. It's way too much like an evolution of the iPhone, instead of a fully evolved computer desktop. And the current crop of available apps don't yet exploit this awesome new hardware. (Cnet)
It doesn’t feel like the world is ready to treat my iPad as an equal to a PC yet—even if that iPad is a lot more powerful and user friendly. Now that Apple has declared the iPad is a PC, it should take more of the guardrails off of iOS and strongly encourage developers to treat it like they do the Mac. It’s time for iOS to grow up and get a job. (Wired)

Apple selbst hat seit dem ersten iPad auf den Keynotes auch immer durchklingen lassen, dass man die Zukunft des Personal Computing beim iPad sieht. 2010 hat Steve Jobs die perfekte Metapher für die Zukunft des iPads aufgestellt:

When we were an agrarian nation, all cars were trucks, because that’s what you needed on the farm. But as vehicles started to be used in the urban centers, cars got more popular … PCs are going to be like trucks. They’re still going to be around, they’re still going to have a lot of value, but they’re going to be used by one out of X people.

Die Zielsetzung war also klar. Apple scheint an dem Gedanken festzuhalten, wenn auch etwas halbherzig manchmal.

Screenshot apple.com, Hervorhebung von mir: Ein dezenter Hinweis. Fast schon so dezent, dass es eher ein Aufschrei ist.

Es blieb auch nicht nur bei Worten und Versprechungen. Das Release von iOS 11 im letzten Jahr hat die Weichen gelegt: das iPad erhielt ein Dock, besseres Multi-Tasking, verbesserter Split View und vieles mehr. Es war ein echtes "mach das iPad endlich für Arbeit nutzbar"-Release. Und aktuelle Benchmarks zeigen, das iPad hat mehr als genug Leistung, um die Arbeit von Laptops und gar Desktop-PCs zu übernehmen.

Dennoch wird das iPad offensichtlich dem Anspruch nicht gerecht. Woran liegt das und was ist eigentlich der Plan von Apple?

Ein Betriebssystem designed für Mobilgeräte

Das iPad ist ein seltsames Gerät. Ein Hybrid zwischen mobiler und stationärer Nutzung, zwischen Konsum und produktivem Arbeiten. Es beherrscht theoretisch beides. Die DNA aber ist mobil, denn es läuft mit iOS auf einem mobilen Betriebssystem. Ein Betriebssystem, das auf kleine Screens, Touch-Steuerung und eben mobiler Nutzung ausgelegt ist. Letzteres ist ein entscheidender Punkt: Ein Interface muss ganz anders funktionieren, wenn ich gerade auf den Bus warte und in der einen Hand den Kaffee halte und mit der anderen mein Smartphone bedienen möchte.

Mhm. Nope.

Apple hatte letztlich beim iPad keine Wahl. MacOS war weder auf Touch-Bedienung, noch auf kleine Displays und die CPU-Architektur ausgelegt. iOS lag als OS der Wahl auf der Hand. Die Entscheidung war damit gefallen: Das iPad ist ein großes iPhone – und kein kleines Macbook.

Mittlerweile entwickelt sich iOS in zwei Richtungen. Für das iPad gibt es Extrawürste, wie das Dock oder Split View. Eigentlich ein Spagat, der nicht zu Apple passt.

Microsoft geht mit dem Surface genau in die andere Richtung. Das 2-in-1-Gerät läuft mit einem vollwertigen Windows, das über die letzten Jahre immer mehr für die Touch-Bedienung angepasst wurde.

Der Nutzer ist verwirrt

Als Nutzer bleibt man verwirrt zurück. Welches Gerät ist denn jetzt das richtige für mich? Dabei war Apple immer stark darin, dem Nutzer recht genau zu sagen, wofür die Produkte geeignet sind. Apple baut Geräte für kreative Nutzer, die sich mit dem (genialen) Werbe-Slogan "Think Different" identifizieren können. IBM und Microsoft sind die Herren im Pinguin-Outfit mit ihren grauen Kisten, Apple das ist Kreativität, Kunst, Musik.

Who is the cool kid?

Natürlich wird auch das iPad (sogar ganz speziell) mit Apples bekannter Vermarktungstaktik beworben, aber ansonsten bleiben viele Fragen offen.

  • Brauche ich ein iPad und ein Macbook/iMac?
  • Brauche ich ein iPad, wenn iPhones immer größer und leistungsfähiger werden?
  • Wird iOS mittelfristig das neue MacOS? Und wenn ja, sollte ich mir dann überhaupt noch ein Macbook/iMac kaufen?
  • Das iPad Pro kostet genauso viel wie ein Macbook. Ist das gerechtfertigt?
  • Ist ein Tablet einfach ein Tablet, oder ist es allgemein die Zukunft des Personal Computings?

Dem Nutzer oder potentiellen Kunden werden also einige Fragen in den Weg gestellt. Wer sich erstmal tief über die eigenen Bedürfnisse und die technischen Möglichkeiten eines Gerätes informieren muss, der wird im Zweifel gar nicht kaufen. Apple gibt dem Nutzer keine Orientierung, weil es offensichtlich sich selbst nicht klar ist, wo die Reise hingeht.

Wir stecken in einer Übergangsphase

Das Dilemma lässt sich auf zwei Gründe zurückführen: Apple ist sich selbst unsicher und wir stecken in einer Tranformation des Nutzungsverhaltens und der technischen Möglichkeiten.

Die junge Generation fühlt sich zum iPad eher hingezogen, weil sie mit Smartphones und Touch-Screens aufgewachsen sind. Das iPad bietet genau das – nur Mehr davon. Wer allerdings PCs und Laptops gewohnt ist, geht mit einer anderen Einstellung an die Sache. Er vergleicht das eine mit dem anderen. Und da sieht das iPad schlecht aus. Es kann weniger, schränkt den Nutzer mehr ein, kostet mittlerweile aber fast genauso viel. Und all die "Early Adopter" da draußen, die das iPad als Laptop-Ersatz nutzen und mit ihrer großen Reichweite darüber berichten, sind nicht repräsentativ für die Masse. Das sind technikbegeisterte Menschen, die bereit sind Kompromisse einzugehen oder sich Frickel-Lösungen zu basteln.

Für die Mehrheit der Nutzer bleibt ein großes Fragezeichen beim iPad. Und das Problem dahinter ist Apples Orientierungslosigkeit. Das Innere eines Unternehmens spiegelt sich immer in den Produkten wider und Apples Stärke früher war die Kompromisslosigkeit unter Steve Jobs. Aber auch Fehler irgendwann einzusehen. Es wird Zeit, dass Apple eine klare Entscheidung zum iPad fällt.

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