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von Dominik Schmidt

4 Prinzipien für die Konzeption digitaler Produkte

Digitale Produkte und Services sind – im Vergleich zur analogen Welt – einfacher und komplexer zugleich. Einfacher, weil man mit einem Laptop und Internetverbindung sie von jedem Ort zu jeder Zeit erstellen kann. Man kann sie jederzeit anpassen, ausbauen, relaunchen. Man kann Kopien anlegen, Schnittstellen integrieren und mit einer einzigen Code-Basis für die verschiedensten Endgeräte und Touchpoints optimieren. Digitale Produkte können ohne Probleme von 10 zu 100.000 Nutzern skalieren. Noch nie konnte die Menschheit so einfach nützliche Werkzeuge und Dienste produzieren. Das ist letztlich auch der Grund, warum in den letzten 20 Jahren das Phänomen der Startups so populär geworden ist.

Architektur ist die analoge Form der Digitalkonzeption in vielen Hinsichten.

Aber es ist auch eine komplexe Welt geworden. Alles ist mit allem verbunden. Digitale Produkte sind immer im Kontext zu betrachten, nie isoliert. Früher hat man eine Maschine gebaut, die hat man in einen Raum gestellt und einen Menschen diese bedienen lassen. Hat sie gut funktioniert, musste man sie nur ab und an etwas ölen, mal ein Verschleissteil austauschen.

Digitale Produkte bauen hingegen immer auf verschiedensten Technologien auf, die sich permanent entwickeln. Letztlich wird das Produkt ständig angepasst und tauscht sich in regelmäßigen Abständen komplett aus. Auch die Geschäftsmodelle können dank der niedrigen Entwicklungs- und Wartungskosten, der Skalierung, ganz andere Formen annehmen. Wir haben mächtige Produkte, die nie Gewinne erwirtschaftet haben, aber dennoch unglaublich viel Wert sind.

Genau das macht den Reiz für mich aus, wenn ich bei i22 konzeptionell an Entwicklungen mitwirke. Mittlerweile habe ich mir einige Prinzipien angeeignet, die sich mal mehr und mal weniger sinnvoll anwenden lassen.

1. Ein Konzept ist begründbar

Jedes Konzept muss begründbar und plausibel sein. Das unterscheidet es von Kunst. Kunst muss nicht begründet werden, sie muss nur ansprechen. Konzeption, die zwar durchaus Kreativität erfordert, ist letztlich aber eine rationale Herleitung. Was nicht begründbar ist, ist beliebig und sollte dann im Zweifel weggelassen werden.

2. Ein Konzept muss nicht erklärt werden

Sieht auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu Punkt 1 aus, aber nur weil etwas begründbar sein sollte, sollte es im besten Fall dennoch selbsterklärend sein. Wenn ich gegenüber dem Kunden merke, dass ich bei der Erklärung weit ausholen muss, dann wird das Konzept nicht funktionieren. Letztlich arbeiten wir für den Endkunden, der wenig Geduld hat und sicherlich nicht auf einer Meta-Ebene ein Konzept gutheißen wird. Für ihn muss es funktionieren. Und alles, was erklärungsbedürftig ist, ist nicht einfach genug.

3. Ein Konzept stellt den Nutzer in den Mittelpunkt

Das Prinzip knüpft an Punkt 2 an. Alles, was in einer Agentur produziert wird, ist letztlich für einen menschlichen Anwender gebaut. Nicht für eine Award-Jury, nicht für einen Ansprechpartner beim Kunden, nicht fürs Papier und nicht für den Chef. Generell sind zwei Skills für einen Konzepter unerlässlich: Breites Wissen über den Markt und Empathie für menschliches Verhalten. Letzteres muss immer wieder in den Fokus gestellt werden, bei jedem Zwischenschritt, bei jeder Entscheidung.

4. Ein Konzept ist Architektur

Der Vergleich zur klassischen Architektur, der "Mutter aller Künste", passt wie die Faust aufs Auge. Die selben Kriterien lassen sich für das Entwerfen von Digitalprodukten anwenden: Sie müssen stabil, nützlich und ansprechend sein. Ein Bauwerk muss sich seinem Anwendungszweck (ist es eine Schule, ein Wohnhaus oder ein Bunker?), dem Bewohner selbst (Innenperspektive) und der Umgebung (Außenperspektive, Nachbarn, Natur und Stadtplanung) anpassen. Dörfer, Städte oder Regionen sind die ältesten von Menschenhand gemachten Ökosysteme. Architektur muss deswegen immer im vernetzen Kontext gesehen werden. Eine ganz ähnliche Entwicklung hat uns das Internet im digitalen Raum beschert.

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